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Christoph Dohr

aktualisiert
Donnerstag, 18.06.2026 16:03

Die Werkstätten für historische Tasteninstrumente J. C. Neupert und die Sammlung Dohr

Einführung

Eng verbunden mit dem Aufbau der Sammlung Dohr ist mein persönlicher Kontakt zur "Manufaktur" (früher: "Werkstätten") für historische Tasteninstrumente J.C. Neupert Bamberg - insbesondere zum letzten den Namen „Neupert“ tragenden Geschäftsführer der Firma, Wolf-Dieter Neupert (*31.05.1937), mittlerweile seit etlichen Jahren auch zu seiner Tochter Raphaela Jato (*16.12.1980). Die fachliche Kompetenz und die handwerkliche Qualität der Arbeiten bei J.C. Neupert überzeugten mich von Anfang an.

Auf der Internationalen Musikmesse Frankfurt am Main 1998 kam der Wunsch auf, den frisch erworbenen häuslichen Stutzflügel (Seiler) um ein Spinett zu ergänzen. Ich pendelte mehrere Tage zwischen dem Stand der unter seinen Nachfolgern in Auflösung befindlichen Werkstatt von Martin Sassmann und dem Stand von J.C. Neupert, nahm auch die Stände von Guido Bizzi und Claudio Tuzzi zur Kenntnis, ließ mich schließlich durch die fachliche Kompetenz von Wolf-Dieter Neupert als ausübendem Musiker (diese Dimension fehlte bei den Sassmann-Nachfolgern vollständig) überzeugen und gab den Bau des ersten Instrumentes der Sammlung Dohr in Auftrag: eine Kopie von J. C. Neupert nach dem Spinett von Johann Heinrich Silbermann (1767).

Im Folgejahr erwarb ich vier Instrumente, die ich jeweils nach kurzer Zeit an J. C. Neupert weiterveräußerte. Mittlerweile tut es mir längst leid, diese Instrumente nicht selbst behalten und in die Sammlung aufgenommen zu haben. Aber - um ein Beispiel zu nennen - ein Clavichord Modell „Salzburg“ von Kurt Wittmayer war nicht das erträumte Erst-Instrument als Clavichord, so dass ich es für den Bau einer Kopie von J. C. Neupert nach dem Clavichord von Wilhelm Heinrich Baethmann (Hannover 1799) in Zahlung gab.

Flügel, Spinett, Clavichord – die Bestückung der Wohnräume eines gutsituierten Musikers im 20. Jahrhundert. Noch längst keine Sammlung, sondern dem täglichen persönlichen Musizieren dienend. Der eigentliche Start einer „Sammlung Dohr“ begann im Sommer 2000, als ein Tafelklavier aus dem Voreigentum von Dr. Grete Wehmeyer (Köln; 1924-2011) bei J.C. Neupert in Kommission zum Verkauf stand. Oder im Herbst 2000, als der erste (und bis heute einer der schönsten) Hammerflügel erworben werden konnte, das unikate Instrument von Christian Erdmann Ranke (Ringe 1825).

„Einschneidend“ für die Entwicklung der Sammlung Dohr war der Erwerb eines denkmalgeschützten (Rest-)Bauernhofes im Frühjahr 2005 in Bergheim-Ahe (Erft). Der vormalige Ortsbürgermeister und Ehrenbürger der Stadt Bergheim, Nachbar Peter Giesen (1935-2018), war Assistent bei der Namensvergabe, machte er mich doch mit der Geschichte des Hofes bekannt, der seitdem als „Haus Eller“ firmiert. Christian Eller († 1930) war zwischen den Weltkriegen ebenfalls Ortsbürgermeister von Ahe gewesen und hatte Gutes für Ahe getan – u.a. den Bau der heute noch bestehenden Pfarrkirche St. Michael initiiert. Im Mai 2005 zog die Sammlung Dohr mit 22 Instrumenten in „Haus Eller“ ein.

Die bis dato aus zunehmendem Platzmangel verstreut untergebrachten Instrumente (einiges lagerte bei J.C. Neupert, anderes bei guten Freunden, Geschäftspartnern …) konnte erstmals zusammengezogen werden. An die Öffentlichkeit gingen Pianomuseum und Sammlung Dohr am „Tag des Offenen Denkmals“ am 11. September 2005.

Die Bilanz einer bald dreißigjährigen Zusammenarbeit: Vier Neu-Instrumente wurden bei JCN in Auftrag gegeben (zuletzt 2019 ein Cembalo nach Antunes); weitere zwölf Neupert-Instrumente wurden im Gebraucht-Instrumenten-Markt gekauft und in die Sammlung integriert; rund ein halbes Dutzend weitere Neupert-Instrumente allerdings durchlief lediglich die Sammlung Dohr und wurde weiterveräußert. Vier historische Instrumente wurden bei JCN als Händler erworben (zuletzt im Juli 2025 ein Clavichord der Gebr. Glaser). Besondere Bedeutung erhielt die Werkstatt Neupert jedoch durch Restaurierungen und Generalüberholungen von 14 Instrumenten der Sammlung Dohr in den Jahren 2001 bis 2010. In der Summe sind dies inszwischen über 30 besaitete Tasteninstrumente, dazu Modelle historischer Mechaniken. Die nachfolgende Liste verschafft hierüber einen Überblick.

Als im Jahr 2001 der erste Konzertflügel (von Theodor Stöcker, Berlin) von J.C. Neupert fertig restauriert war, bot es sich an, ein Tonstudio mit einem qualifizierten Tonmeister in der Nähe der Manufaktur für die Produktionen zu wählen. Wolf-Dieter Neupert vermittelte den Kontakt zu Egino Klepper (alias Hieronymus Cavalli; 1949-2007). Egino Klepper war selbst Fachmann für das Spiel auf historischen Tasteninstrumenten und passionierter „Aufnehmer“ und Produzent mit eigenem Label. Bis zu seinem überraschenden, plötzlichen Tod am 11. September 2007 entstanden im „Cavalli-Studio“ Bamberg in rascher Folge rund ein Dutzend CDs, viele davon auf Instrumenten der Sammlung Dohr. Danach nahm das Label des Verlages Dohr viele weitere CDs mit Gerald Steuler (Tonstudio an der Tonhalle Düsseldorf, Christoph Münstermann), Georg Bongartz und Rüdiger Blömer auf.

im Juni 2026
Christoph Dohr

Bestand an Neupert-Instrumenten

a) Folgende Instrumente aus der Werkstatt von J. C. Neupert wurden für die Sammlung Dohr gebraucht von privat erworben:

  • 1932 | bundfreies zweichöriges Clavichord Modell 31 (Prototyp) # 15337
    Beschreibung: siehe I232
  • 1933 | Cembalo Modell D4 "Dulcken" # 15688
    Beschreibung: siehe I183
  • 1933 | Spinett Modell S1 "Silbermann" # 15860
    Beschreibung: siehe I150
  • 1934 | bundfreies einchöriges Clavichord Modell 32.1 "Philipp Emanuel" # 15993
    Beschreibung: siehe I247
  • 1936 | Hammerflügel nach Johann Andreas Stein, Augsburg 1785; Kopie (Modellbezeichnung "St 1785") von J. C. Neupert, # 16105.
    Beschreibung: siehe I219
  • 1936 | Spinett Modell S0 "Silbermann" # 16227
    Beschreibung: siehe I056
  • 1937 | Hammerklavierchen [Tafelklavier] nach Johann Andreas Mahr jun., Wiesbaden 1805. # 16355
    Beschreibung: siehe I277
  • 1940 | Hammerflügel "Mozart" nach anonymem Hammerflügel "Lagerbuch Nr. 57", süddeutsch ca. 1780, der Sammlung Neupert. # 16871.
    Beschreibung: siehe I2xx
  • 1942 | Cembalo einmanualig Modell "Telemann" # 17264
    Beschreibung: siehe I136
  • 1956 | Cembalo zweimanualig Modell "Cristofori" # 18786
    Beschreibung: siehe I064
  • 1962 | "Cembalino" # 20537
    Beschreibung: siehe I026
  • 1995 | bundfreies einchöriges Clavichord Modell 32.1 "Philipp Emanuel" # 30828
    Beschreibung: siehe I273

b) Folgende Instrumente wurden bei J.C. Neupert für die Sammlung Dohr in Auftrag gegeben und erworben:

  • 1998 | Spinett. Kopie nach Johann Heinrich Silbermann (1767) # 31076
    Beschreibung: siehe I001
  • 1999 | Clavichord. Kopie nach Baethmann (1799) # 31208
    Beschreibung: siehe I002
  • 2007 | Hammerflügel. Kopie nach Johann Jakob Könnicke (1796), # 31466
    Beschreibung: siehe I036
  • 2018 | Cembalo einmanualig. Kopie nach Joaquim Jozé Antunes (Lissabon 1758), # 31753
    Beschreibung: siehe I140

c) Folgende Instrumente von J. C. Neupert wurden 1999 bis 2026 erworben und weiterveräußert:

  • Hammerklavierchen "Mahr", Kopie von J. C. Neupert (Bamberg)
    nicht mehr im Bestand (Abgang 1999 an JCN)
  • Cembalo einmanualig "Blanchet", Kopie von J. C. Neupert (Bamberg)
    nicht mehr im Bestand (Abgang 1999 an JCN)
  • Spinett Modell "Silbermann" J. C. Neupert (Bamberg)
    nicht mehr im Bestand (Abgang 2001 an unbekannt)
  • Konzertflügel 270 cm J.C. Neupert (Bamberg) #11600 (1924)
    nicht mehr im Bestand (Abgang 2005 an JCN)
  • Cembalo zweimanualig Modell "Vivaldi", J. C. Neupert (Bamberg) #17896 (1952)
    nicht mehr im Bestand (Erwerb Mai 2020, veräußert an privat Juni 2021)
    Beschreibung: siehe I153
  • Cembalo einmanualig Modell "Telemann" (ok-Springer), J. C. Neupert (Bamberg) # 21061 (1961)
    nicht mehr im Bestand (Abgang 2026 an Sammlung Hauck)

d) Folgende sechs Mechanik-Modelle (ohne Nummer) wurden von J.C. Neupert 2008 und 2022 für die Sammlung Dohr hergestellt:

  • Clavichord-Mechanik (18. Jahrhundert; 2008)
    Beschreibung: siehe I049
  • Stoßzungen-Mechanik (nach Gottfried Silbermann 1747, dieser wiederum nach Bartolomeo Cristofori ca. 1700; 2008)
    Beschreibung: siehe I050
  • Tangenten-Mechanik (nach Franz Jakob Späth & Christoph Friedrich Schmahl; Regensburg ca. 1780/1790; 2008)
    Beschreibung: siehe I051
  • Prellzungen-Mechanik ("Wiener Mechanik") inkl. Moderator (nach Johann Jakob Könnicke, ca. 1790; 2008)
    Beschreibung: siehe I052
  • Kiel-Mechanik (18. Jahrhundert; Cembalo einmanualig, ein Register; 2008)
    Beschreibung: siehe I053
  • Kiel-Mechanik (zweimanualiges Cembalo nach historischem Vorbild, drei Register 8', 4' / 8', keine Laute, keine Koppel, J. C. Neupert o.Nr.; 2022)
    Beschreibung: siehe I253

    zudem im Bestand der Sammlung:
  • Springer-Muster-Präsentationsbox o. Nr. J.C. Neupert (Bamberg ca. 1998)

 

Folgende historische Instrumente wurden bei J. C. Neupert erworben:

  • 1786 | Sébastien Erard (Paris): Tafelklavier (aus Sammlung Wehmeyer).
    Beschreibung: siehe I003
  • 1771 | Johannes Zumpe / Gabriel Buntebart (London): Tafelklavier (aus Sammlung Neupert II)
    Beschreibung: siehe I008
  • 1929/1933 | Gebr. Glaser (Jena): Clavichord o. Nr. (aus Sammlung Neupert II)
    Beschreibung: siehe I2xx
  • 1970 | Steen Nielsen (Kopenhagen/Dänemark): Hammerspinet (Luxus-Ausführung) #70101
    Beschreibung: siehe I137

 

Restaurierungen von J. C. Neupert

Folgende Tasteninstrumente wurden bei J. C. Neupert restauriert bzw. generalüberholt (*Datum des Erwerbs des zuvor von J. C. Neupert restaurierten Instrumentes):

2001

  • 1868 (ca.) | Theodor Stöcker (Berlin): Konzertflügel #944
    Beschreibung: siehe I006
  • *1771 | Johannes Zumpe & Gabriel Buntebart (London): Tafelklavier o. Nr.
    Beschreibung: siehe I008

2002

  • 1825 (ca.) | Christian Erdmann Rancke (Riga): Hammerflügel
    Beschreibung: siehe I004

2003

  • 1830 (ca.) | Joseph Baumgartner (München): Hammerflügel
    Beschreibung: siehe I011
  • 1861 | Johann Baptist Streicher & Sohn (Wien): Konzertflügel #5886
    Beschreibung: siehe I020

2005

  • 1962 | J. C. Neupert (Nürnberg/Bamberg): Cembalino # 20537
    Beschreibung: siehe I026

2006

  • *1786 | Sébastien Erard (Paris): Tafelklavier.
    Beschreibung: siehe I003
  • 1961 | Klaus Senftleben (Buxtehude): Klein-Cembalo # 61 12 88
    Beschreibung: siehe I010
  • 1932 | Maendler-Schramm (München): Tischspinett #318
    Beschreibung: siehe I007
  • 1931 | Maendler-Schramm (München): Konzertcembalo #251
    Beschreibung: siehe I023

2007

  • 1865 | John Broadwood & Sons (London): Short Drawing Room Grand #2266/11131
    Beschreibung: siehe I014
  • 1750/1770 | Clavichord anonym o. Nr. (süddeutsch)
    Beschreibung: siehe I032

2008

  • *1830 | Anton Biber: Hammerflügel o. Nr.
    Beschreibung: siehe I044

2009

  • 1967 | Kurt Hutzelmann (Eisenberg/Thüringen): Kleincembalo #1733
    Beschreibung: siehe I038

2010

  • 1952 | Gebr. Ammer (Eisenberg): einmanualiges Cembalo "Ruckers" #743
    Beschreibung: siehe I043

 

CD-Einspielungen

Auf folgenden Instrumenten, die von J. C. Neupert gebaut oder restauriert wurden, hat das Label des Verlag Dohr Köln CD-Produktionen eingespielt:

1868 (ca.) | Theodor Stöcker (Berlin): Konzertflügel #944
Beschreibung: siehe I006

1825 (ca.) | Christian Erdmann Rancke (Riga): Hammerflügel
Beschreibung: siehe I004

1861 | Johann Baptist Streicher & Sohn (Wien): Konzertflügel #5886
Beschreibung: siehe I020

1865 | John Broadwood & Sons (London): Short Drawing Room Grand #2266/11131
Beschreibung: siehe I014

1999 | Clavichord. Kopie nach Baethmann (1799) # 31208
Beschreibung: siehe I002

2007 | Hammerflügel. Kopie nach Johann Jakob Könnicke (1796), # 31466
Beschreibung: siehe I036

 

J.C. Neupert: Rastenbauweise versus historische Kopie

J. C. Neupert ist wohl die einzige Manufaktur weltweit, die immer noch historische Tasteninstrumente in "Rastenbauweise" neu herstellt und erfolgreich verkauft. Nicht mehr als Schwerpunkt des Geschäftsbetriebes (das sind sukzessive seit 1970 und anno 2026 fast ausschließlich Kopien nach historischen Originalen), erst recht nicht mehr in den Stückzahlen wie in der Mitte des 20. Jahrhunderts, aber als bedeutende Ergänzung des Portfolio. Abruf 18. Juni 2026: Neupert-Cembalo Modell "Bach"

Und kaum eine andere Manufaktur wird online (in den social media) wie auch offline unter Musiker- und Instrumentenbauer-Kollegen derart gescholten wie J.C. Neupert ob dieser ach so "unhistorischen Bauweise".

Wie üblich, ist die "Wahrheit" erheblich differenzierter.

J.C. Neupert, gegründet als Klavierhersteller 1868, gehörte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den Pionieren auf dem Sektor "historische Tasteninstrumente". Nur wenige Klavierhersteller (Pleyel, Erard, Arnold Dolmetsch als Abteilungsleiter bei Chickering) hatten zuvor erste Erfahrungen mit dem Wieder-Neubau historischer Tasteninstrumente gesammelt. Das geschah im Wettbewerb und im ständigen Kontakt mit Interpreten (Liebhaber, Profis, Laien). Vielleicht war Arnold Dolmetsch bei Chickering der erste, der im Klavierbauer-Umfeld wieder den Blick auf die Originale, deren Bauweise, auf den Zusammenhang zwischen baulichen Spezifika und klanglichen sowie spieltechnischen Eigenschaften legte. Chickering ist dann kein bedeutender Hersteller von Kopien historischer Tasteninstrumente geworden, und Arnold Dolmetsch kehrte nach Europa zurück.

Am Anfang - das war zur Pariser Weltausstellung 1889 - entschied ein Wettbewerb gegen (!) die historische Bauweise, die Kopiatur von Originalen. Der "Markt" (Musiker, Käufer) tendierte eindeutig zum "modernisierten Kielinstrument": Klanganregung mittels Kiel; Übernahme der grundlegenden Funktionen von Spiel- und Registermechanik. Aber "Kreuzung" dieser Parameter mit den Errungenschaften des Instrumentenbaus: verwindungssteife und statisch sichere Rastenkonstruktion, ggf. sogar einen Gussrahmen, Pedalschaltung. Insbesondere die Pedalschaltung ist den heutigen "Jüngern" ein besonders verwerfliches Greuel von "Fehlentwicklung" und "fehlgeleiteten Instrumentenbauern". Ja, wenn fehlgeleitet, dann durch die Wünsche der damaligen Interpret*innen. So kam Wanda Landowska, eine der führenden Protagonisten des konzertanten Cembalospiels, vom Klavierspiel und designte sich bei Pleyel "Ihr" persönliches Konzertcembalo, das bei Pleyel fortan in Serie ging. Von der Disposition und wohl auch von den Mensuren her orientierte sie sich an einem historischen Original. Für den Bereich "Ergonimie des Arbeitsplatzes" wünschte sich die Interpretin Standards des Klavierbaus. Das Konzertcembalo Modell Wanda Landowska hatte Klaviaturen mit den Abmessungen eines Konzertflügels. Es hat einen Anschlag deutlich dem eines Konzertflügels entsprechend. Und schließlich wollte Landowska effektvoll registrieren und dabei die Hände nicht von den Tasten nehmen. Die Adaption der vom Klavierbau bekannten Pedalschaltung in den zeitgenössischen Cembalobau lag nahe. Verwerflich? Was Wanda Landowska nicht tat, war die Einführung neuer Klangeffekte, etwa der klaviermäßigen Dämpfungsaushebung mittels Pedal.

Zu Beginn der 1930er-Jahre gab es eine Neuorientierung bei J. C. Neupert. Man stellte das Typen-Programm für eine Serienfertigung neu auf. Es entstanden Prototypen, und es gab sicherlich auch so etwas wie "Marktanalysen". Die quasi tägliche Erfahrung und Rückmeldung aus der eigenen Sammlung historischer Tasteninstrumente, der "Sammlung Neupert I", tat ihr Übriges: Zu Beginn der 1930er-Jahre entstanden einige Instrumente dicht am historischen Original und/oder aus dem historischen Original entwickelt (so, wie es in der Regel auch die heutigen Kopierer historischer Original-Instrumente praktizieren: Auch bei ihnen gilt das sklavisch identische Kopieren als verpönt!).

Die Sammlung Dohr startet ihre "Sektion Neupert" nicht zufällig mit einer Gruppe von Instrumenten aus diesen 1930er-Jahren, ist doch ihre klangliche Qualität den Serien-Instrumenten der Nachkriegszeit deutlich überlegen. Die Sammlung Dohr ist auf der Suche nach Neupert-Instrumenten aus der Zeit vor 1930.

 

Zur Hammerflügel-Produktion 1932-1974 bei JCN

Mit ihrem großen Bestand an Instrumenten von J. C. Neupert und deren Dokumentation in der Facebook-Gruppe "Pianomuseum Haus Eller" und hier auf dieser Website möchte ich einen Beitrag leisten zur Neubewertung von mittlerweile 120 Jahren Baugeschichte bei JCN.

Johann Christoph Neupert (1842-1921) begann 1906 mit der Fertigung von historischen Tasteninstrumenten. Es handelte sich um ein Cembalo - gebaut für die Wiederbelebung des Spiels historischer Originalkompositionen im möglichst "originalen" Klanggewand. JCN war damit nicht der erste Hersteller in der "Neuzeit" im Markt. Die 1868 gegründete Klavierfabrik hatte mit Pleyel (gegr. 1807) und Erard (gegr. 1777) bedeutende Vorbilder und Vorläufer beim Bau historischer Cembali. (In der Gegenwart ist J. C. Neupert der älteste Hersteller historischer Tasteninstrumente weltweit.) Modifikationen und "Verbesserungen" ggü. historischen Original-Instrumenten gehörten jedoch fest zur damaligen Berufs-Ethik - wie übrigens auch noch heute!. Doch was heute subtiler passiert, trat in den ersten Jahrzehnten deutlicher und offensiver zutage - und veränderte auch das Spielgefühl und den Klang dieser Instrumente, die in der mittlerweile vorherrschenden Ästhetik nur noch sehr wenig mit den historischen Originalen zu tun hatten.

Hammerflügel waren in der ersten Generation des Nachbaus historischer Tasteninstrumente noch nicht gefragt. Das Bewusstsein für die Bedeutung historischer Aufführungspraxis konzentrierte sich aufgrund des bis heute anhaltenden Bach-Booms zunächst auf das Cembalo - und seinen kleinen Ableger, das wohnzimmertaugliche Spinett. An zweiter Stelle, schon bald nach den Kielinstrumenten, erwachte der Nachbau von Clavichorden.

Es ist - mindestens unter Marketing-Gesichtspunkten und unter dem Aspekt der Platzierung eines neuen Produktes - wichtig, dass nach Johann Sebastian Bach für das Barock Wolfgang Amadé Mozart für die Klassik Leitfigur für den Bau historischer besaiteter Tastenflügel wurde. (Es sollte noch die Generation "Beethoven-Flügel" folgen; eine weitere Generation an Kopien jüngerer Hammerflügel gibt der Markt bis heute nicht her.) Nicht zufällig heißt das wohl meistgebaute Hammerflügel-Modell "Mozart-Hammerflügel". Das bis heute von J. C. Neupert unter diesem Namen angebotene Modell entstand als Jubiläums-Neuentwicklung 1956, also zur Feier des 50-jährigen Bestehens der Abteilung "Historische Tasteninstrumente" bei J. C. Neupert. Verantwortlich für das Produktions-Programm war in dieser Zeit Hanns Neupert (1902-1980), Sohn von Fritz Neupert. Dieses Modell mit der internen Bezeichnung "Ju56" wurde bis 1974 immerhin 44mal gebaut. Eine beachtliche Zahl. [Zahlen ab 1975, dem Jahr der Übernahme der Geschäftsführertätigkeit durch Wolf-Dieter Neupert, einem Sohn von Hanns Neupert, liegen noch nicht vor.]

Doch es gab Vorgänger. JCN beschäftigte sich bereits seit 1932 mit der Kopie von originalen Hammerflügeln. Technischer Leiter bei J. C. Neupert war zu dieser Zeit Fritz Neupert (1872-1952), einer der drei Söhne des Firmengründers Johann Christoph Neupert. Vorbilder für die eigenen Produkte waren dabei stets Instrumente aus der eigenen Sammlung. (Diese befindet sich seit 1968 im Germanischen National-Museum Nürnberg.) J.C. Neupert startete mit der Kopie des Steinschen Hammerflügels von 1785, der durch Mozarts enthusiastisches Lob Prototyp des "Mozart-Hammerflügels" wurde. Acht Kopien wurden hergestellt. Die beiden gefertigten Kopien nach einem Hammerflügel nach Matthäus Heilmann (Mainz ca. 1780) zählen zu den Raritäten der Neupertschen Fertigung. Trotz Krieg und Nachkriegszeit war der Hammerflügel "Mozart" - vielleicht auch aufgrund seiner Kompaktheit mit nur 170 cm Länge - das bis zur Neuausrichtung des Fertigungsprogramms unter der Ägide des Vaters von Wolf-Dieter Neupert, erfolgreichste Hammerflügel.

Ich stehe seit 1998 mit Wolf Dieter Neupert in persönlichem, freundschaftlichen Kontakt. Zahlreiche Instrumente wurden während seiner Tätigkeit als Inhaber und Geschäftsführer von JCN von mir bei ihm erworben, ebenso viele andere in seiner Werkstatt restauriert und repariert (s.o.).

Wolf Dieter Neupert hat nun auf meine Bitte hin in mehrtägiger Arbeit die Auslieferungsbücher von J. C. Neupert vom Anbeginn der Fertigung von Hammerflügeln bis ins Jahr 1974, dem Jahr der Übernahme der Geschäftsführung durch ihn, nach gebauten und ausgelieferten Hammerflügeln durchsucht. Er schreibt mir am 15. Juni 2026 als Zusammenfassung seiner Recherche:

"In den Jahren 1932 bis 1955 wurden folgende Hammerflügel gebaut:
acht Hammerflügel nach Johann Andreas Stein, Augsburg 1785, im Zeitraum 1932 bis 1940;
zwei Hammerflügel nach Matthäus Heilmann, Mainz ca. 1780, im Zeitraum 1934 bis 1936;
16 Hammerflügel "Mozart" nach unsign. Hammerflügel Lagerbuch Nr. 57 im Zeitraum 1939 bis 1955.
Ab 1956 wurden ausschließlich Hammerflügel nach Johann Jakob Könnicke, Wien 1796, gebaut: bis Ende 1974 insgesamt 47 Instrumente."

Zum nun in die Sammlung Dohr gelangten Hammerflügel "Mozart" schreibt Wolf Dieter Neupert in derselben E-Mail vom 15. Juni 2026: "Der Hammerflügel "Mozart" Nr. 16871 wurde am 22.2.1940 an unser Nürnberger Geschäft ausgeliefert. Von dort ging er am 13.8.1941 weiter an unsere Filiale in München. Wer ihn von dort erhielt, ist uns nicht bekannt, da die Münchner Filiale 1943 ausgebombt wurde."

[18. Juni 2026]

[wird fortgesetzt]

DohrCompactDiscs, eingespielt
auf Instrumenten des Pianomuseums